2. Laatzener Dialog: Die USA im Präsidentschaftswahljahr – Wer wird der nächste Präsident?
27.10.2008 

Dirk Weissleder (r.) dankt Prof. Michael Pfau für seinen beeindruckenden Vortrag. Unter dieser hochaktuellen Fragestellung lud die Deutsche Gruppe der Liberal Internation, Sektion Niedersachsen, am 8. Oktober 2008 zum Laatzener Dialog ein. Mit Prof. Dr. Michael Pfau, Politikwissenschaftler an der University of San Diego in Kalifornien konnte ein hervorragender Referent gewonnen werden, der als gebürtiger Deutscher mittlerweile seit über 30 Jahren in den USA lebt. Sein Fachgebiet ist die politische Psychologie und das zeigte sich sehr schnell und deutlich in dem von der Politikwissenschaftlerin und Amerikanistin Frau Dr. Petra Beckmann-Schulz sowie von Dirk Weissleder, DGLI-Vizepräsident, moderierten Vortragsveranstaltung, die in einer angeregten Diskussion der Teilnehmer des Laatzener Dialogs mündete.
Prof. Pfau begann seinen Vortrag mit der Aussage "It isn´t over till it´s over", mit anderen Worten: Das Rennen ist noch offen. Nach dem Abschluss der monumental inszenierten Parteitage der Demokraten und der Republikaner geht der Wahlkampf nach rund einjährigem Vorlauf nun in die entscheidende, heiße Phase. Um die Details verstehen zu können, so Prof. Pfau, sei es wichtig zu wissen, wie das Wahlsystem in den USA funktioniere. Wichtig sei dabei zu erkennen, dass der Präsident nicht direkt vom Volke, sondern von einem Wahlmännergremium gewählt werde. Im Grunde genommen gebe es zudem 50 einzelne Wahlen, da jeder Bundesstaat eine unterschiedliche Anzahl von Wahlmännern in Abhängigkeit seiner Bevölkerungsgröße vergebe. Hierbei gilt der Grundsatz "The winner takes it all", d.h. wer die meisten Stimmen des Bundesstaates erringt, erhält alle von diesem Bundesstaat zu vergebenden Wahlmännerstimmen. Insgesamt sind es 548, so dass ein Kandidat mindestens 270 Wahlmännerstimmen zum Sieg benötige. Der bevölkerungsstärkste Bundesstaat Kalifornien vergibt 55 Stimmen, Alaska, Heimatstaat der republikanischen Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin dagegen nur 3 sog. "elektorale Stimmen".
Um den Wahlkampf der Parteien verstehen zu können, sei es zudem wichtig, sich die von Republikanern und Demokraten verfolgten Strategien genauer anzusehen. Interessant sei dabei besonders, dass das Zentrum der USA parteipolitisch republikanisch und die Ost- und West-Küsten eher demokratisch geprägt seien. Desweiteren kommt hinzu, dass die Wahl des nächsten amerikanischen Präsidenten lediglich dort entschieden werde, wo sich bislang noch keine eindeutige Mehrheit der einen oder anderen Seite abzeichne. Dies sog. Swing-States (Pendelstaaten) sind dieses Mal Florida, Ohio und Indiana (der "Ground Zero" der amerikanischen Immobilienkrise), auf die sich nunmehr alle Wahlkampfaktivitäten konzentrierten. Entscheidend sei hierbei nicht, Wechselwähler zu gewinnen, sondern vielmehr bisherige Nicht-Wähler dazu zu bringen, sich in Wählerlisten einzutragen. Im Wahlkampf komme es derzeit weiterhin für John McCain und Barack Obama gleichermaßen darauf an, sich als Kandidat zu empfehlen, der über die nötige charakterliche Stärke verfüge, das Land zu führen. Es gehe für die einzelnen Wählerinnen und Wähler darum, ob man dem Kandidaten seiner Wahl trauen könne oder nicht. Beide Kandidaten pflegten ihr Image als politische Außenseiter, die sich von der Politik der bisherigen Regierung absetzen wollten, beide strichen aber heraus, zu überparteilicher Arbeit im Sinne des Landes fähig zu sein. Beide, McCain wie Obama, präsentierten sich als Vertreter der politischen Mitte. Allerdings sei das Problem von Charisma, das es schnell alt werde, so Pfau. Dieses gelte nicht nur für die Präsidentschaftskandidaten sondern auch für ihre "running mates" Joe Biden und Sarah Palin.
Charakterliche Stärke der Kandidaten sei in diesem Zusammenhang wichtiger als große Konzepte zur derzeitigen Finanzkrise, dem Irak-Krieg oder der Energie- und Umweltpolitik, zudem lasse der "Kampf gegen den Terror" eine traumatisierte Nation zurück. Die Amerikaner seien aber optimistische Pragmatiker, wobei insbesondere Deutsche im Unterschied dazu immer zur Besserwisserei neigten. In den USA stelle man auch in Krisen nicht das gesamte politische oder wirtschaftliche System in Frage, so Prof. Pfau, sondern es gehe vielmehr darum, lösungsorientierte Ansätze zu finden, ein pragmatisches "Nachvorneblicken" und kein "Nach-hintenschauen". Zweifelsohne seien jedoch die Folgen der aktuellen Finanzkrise, die er als nationale Krise bezeichnete, unübersehbar, weil diese letztlich jeden Amerikaner träfen, insbesondere aber auch viele Pensionäre ihre Alterssicherung in Aktien angelegt hätten.
